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Swiss Alpine - K78 (78,5km +/-2320HM)

26. Juli 2003 / 30. Juli 2005

Irgendwann im Jahr 2000 sah ich die Web-Site des SwissAlpine - der Mutter aller BergUltras.


Auf den Bildern liefen Leute durch bizarre Berglandschaften - mehr als einen ganzen Marathon lang. Meine Läuferkarriere war gerade wenige Monate alt und meine Vorstellungskraft bzgl. "an einem Stück laufen" endete nach der mir vertrauten Herbstwaldlauf-Strecke, nämlich bei 10km. Wie man fast 80km und dann auch noch +-2300 Höhenmeter an einem Tag laufen sollte grenzte an ein Wunder, zumindest aber mussten die Teilnehmer total bekloppt sein. Ein solches Unternehmen wurde schnell als unmachbar weggebucht.

Gut 3 Jahre später stehe ich in Davos am Start.

unterwegs unterwegs unterwegs

Drei Monate Lauftraining liegen zurück, wobei ich davor schon mehrere Lange Strecken (>50km) gelaufen bin. Leider hat mich im letzten Monat eine Sommergrippe zu 2 Wochen Pause gezwungen. An dieser Stelle übrigens einen riesigen Dank an Dr. Lorenz vom Sportinstitut in Iserlohn, der mich mit Rat und Tat versorgt hat, so dass ich doch noch ruhigen Gewissens an den Start gehen kann. Das Ziel lautet "Ankommen und Überleben" - keine Zeit-Experimente.

Gemeinsam fliegen Laufkollege Rudi und ich Donnerstags von Köln/Bonn nach Zürich und nehmen anschliessend den Zug (die Rail-Tickets stellt der Veranstalter!) nach Davos. Die Ferienwohnung ist prima und am nächsten Morgen reisst sogar der Himmel auf. Sonnenschein. Auf dem Tagesausflug nach St. Moritz lernen wir im Zug XXXXX aus Hannover kennen. Mangels trainingswürdiger Berge hat er auf dem angewinkelten Laufband Steigungen trainiert, auch 3h-Läufe (!). Unglaublich!

In Davos selbst kann man seine alten Finisher-T-Shirts prima auftragen (leider habe ich meine nicht dabei). Die Trophäen von Jungfrau, K78/42/30, Rennsteig, aber auch die von Läufen aus Übersee schmücken die Teilnehmer. Im Kongresszentrum werden die Startunterlagen abgeholt. Alle sehen fürchterlich schnell aus, haben Stahlwaden und sind wie im Ultrabereich üblich mittelleren bis fortgeschrittenen Alters.

Samstag ist der Tag der Abrechnung. Kurz nach 7:00 Uhr stehen wir an der Eishalle um unsere Kleinerbeutel (Effekten) abzugeben. Für die K78er, die C42er, die K30er und die Walker stehen jeweils eigene LKWs für den Kleidertransport in die jeweiligen Zielorte zur Verfügung. Als K78er darf man 2 Beutel abgeben: einen für KM40 in Bergün (Wechselsachen bzw. falls in den Bergen das Wetter umschlägt) und einen für die Zielankunft hier in Davos.

Vor den Start gibt es die üblichen Dehnübungen und aus dem Lautsprecher rät der Rennarzt Beat Villinger "trinken, trinken, trinken". Es wird heiss heute. Interviewt wird auch Wolfgang Winter, der bereits zum 14. mal dabei ist. Leute gibt's...

Die Walker starten. Vielleicht sollte man die Walker später auf die Piste lassen, zumal deren Walking-Stöcke auf den engen Waldwegen ernsthafte Waffen werden. Die (Team)-Radfahrer starten. Die Läufer starten um 8:00 Uhr. Die Streckenführung ist für K78, C42 und K30 gleich - nach 30km und nach 42km ist das Ziel in den gleichnamigen Kategorien erreicht, der 78er führt als Rundkurs nach Davos zurück. Parallel dazu gibt es noch einen K42, der in Bergün startet, fast entlang der 78er Strecke vorbeiführt und ebenfalls in Davos endet.

In Davos wird eine Ehrenrunde gedreht, danach gibt es einige erste Anstiege zum eingewöhnen, dann in Serpentinen über Strassen und Waldwege nach Lengmatte bzw. Monstein. Von hier aus ca. 800 HM zügig bergab - naja, wenigstens ein Vorgeschmack auf das, was *Bergabwärts* noch kommen sollte.

Weiter über Schotterwege, durch kurze Tunnel, immer wieder Trampelpfade durch kleine Bachtäler. Rudi knickt um, kann aber weiterlaufen. Entlang der Bahnbrücke nach Filisur sind Fotografen positioniert, also lächeln, es gibt bald Post nach Hause. Immer weiter laufen wir abwärts durch Wiesen und über landwirtschaftliche Wege hinab bis ins K30-Ziel Filisur. Rudi finisht - hat sein Ziel erreicht. Ich freue mich und bin stolz auf ihn, war dieser Lauf nach seiner langen, gesundheitsbedingten Aus-Zeit doch so schön und erfolgreich. Wir klatschen ab und werden uns heute Abend in Davos wiedersehen.

Ca. 200 Meter danach erreiche ich den nächsten Verpflegungsstand (der C42er und K78er) und verschnaufe ersteinmal. [Zeit: 3:15h]. Es ist heiss. Der erste Stopp nachdem ich sonst immer nur 2 Becher Wasser im Vorbeilaufen genommen habe. Jetzt nehme ich 4-5 Becher, u.a. auch Weissbrot und Bouillon, weil Salz jetzt gut tut. Ich treffe Wolfgang, 14-facher Teilnehmer mit einer Zielwunschzeit von 10:30h. Meine ist 11:00h also dranhängen wenn es ihn nicht stört und von seiner Erfahrung profitieren. Wenn er an bestimmten Anstiegen Zeit hat zu gehen, gönne ich mir ebenfalls ein Schonprogramm (auch wenn ich einige Passagen sonst gelaufen wäre). Wenn er Zeit hat am Verpflegungsstand 2-3 Minuten zu verschnaufen, habe ich die auch. Wenigstens bis zum Scalettapass, danach werde ich die letzen 18km bergab zu langsam sein.

Gemeinsam geht es Richtung Bergün, zum Teil schon steil und nur noch gehbar. Wolfgang fachsimpelt mit einem Schweizer über die Streckenführung der vergangenen Jahre. Es wird immer heisser. Ich überhole zum zweiten mal eine Amerikanerin, ein Fliegengewicht von undefinierbarem Alter (vielleicht um die 50?). Auch sie ist zum 6. oder 7. mal mit dabei, und wie viele hier Wiederholungstäter.

In Bergün bleibt meine Effekten-Tasche mit der Jacke darin liegen. Ich brauche sie nicht und somit geht sie wieder nach Davos zurück für heute Abend. Die C42er verabschieden sich und die K42er, die vor 2 Stunden hier gestartet sind, sind längst auf und davon. [Zeit: ca. 4:30]. Die Höhenmeter haben bereits Zeit gefressen. Trinken, trinken, trinken.

Die Leiste meldet sich. Seit ein paar Tagen habe ich das nun schon, manchmal stechend, dann wieder gar nicht - höre ich sie schon kommen? Angstziepen? Vorbei am Streckensprecher, klatschenden Zuschauern und wieder sind wir in einem Waldstück verschwunden. Zu dritt gehen, laufen, flachsen wir nach Chants hoch. Am nächsten Verpflegungsstand überholen wir den "Sandalenmann". Den kenne ich bereits vom Jungfrau-Marathon: Er sieht ein bischen aus wie Jesus und hat so krumme Zehen, dass ihm schienbar keine Laufschuhe passen - daher läuft er die Strecken in Teva-Sandalen. "Der überholt und noch vor der Keschhütte" glaubt Wolfgang, "hat einen tierischen Antritt am Berg". Zwei Streckenposten mustern uns: Ärzte inkognito? Heimliche Kontrollen vor dem Anstieg der Anstiege?

Steil, steiler, noch steiler. Wir raten bis zu welcher Platzierung hier wohl noch gelaufen werden kann. Mein Puls geht auf 165 (sonst an Steigungen 145-150) obwohl ich nur langsam "Treppensteige". Die knapper werdende Luft? Doch der Steigungswinkel? (Mist - habe gerade kein Geodreieck dabei.) Das wird es sein, denn sonst fühle ich mich immer noch fit. Jedes Flachstüch und jede kurze Bergabpassage wird wieder gelaufen um keine Zeit zu verlieren. Die Baumgrenze ist erreicht. Niemand überholt mehr, nur der Sandalenmann ("darf ich mal vorbei?") zieht in langen Schritten auf und davon.

Endloser Anstieg, manchmal in Serpentinen, kleine Schritte, nicht nachdenken. Endlich taucht die Keschhütte auf, vertraut, obwohl ich sie nur von Fotos kenne. Damit erreicht man den höchsten Punkt der Strecke auf ca. 2600 ü.d.M. [Zeit: genau 7:00h] bei KM52. Die Massageliegen sind voll. Kurze Pause von 3-4 Minuten. 5-6 Becher Wasser, Bouillon, Rivella-Marathon...der Magen muss ganz schön was abkönnen. Weissbrot und Dextro wandern in die Trikottasche zum knabbern unterwegs. Wolfgang gefällt die Farbe seines Urins nicht (zu dunkel) und daher schiebt er noch ein paar extra Becher nach.

Von hier oben hat man einen phantastischen Blick hinab in das Tal aus dem wir gekommen sind und (auf der anderen Seite) auf den Panoramatrail, der sich in leichten Wellen am Hang entlangschlängelt in Richtung Scalettapass. "Hier können wir viel Zeit verlieren oder gewinnen. Zwischen 1.5 und 2 Stunden werden wir für die 10km aber brauchen." orakelt Wolfgang.

Los geht's, nur noch 26km. Der Weg fällt zunächst steil ab, trennt danach die K78 von der K42-Strecke (die K42er müssen hinab ins Tal unterhalb des Panoramatrails und anschliessend wieder hoch zum Scalettapass) und windet sich dann am Berg entlang. Überholen ist kaum möglich, zu schmal der Pfad. Immer wieder hört man Flüche wenn sich irgendjemand den grossen Onkel (Zeh) an einem der Steine gestossen hat. Grosse Steine, spitze Steine, nasse Steine, wackelige Steine. Es bilder sich Grüppchen, in denen die Anstiege gegangen, die flachen und abfallenden Stücke gelaufen werden. Immer auf den Abstand zum Vordermann achten und die gleiche Schrittfolge einhalten. In den Geröllfeldern hüpfen wir von Stein zu Stein; wenn's beim Vordermann wackelt einen anderen Stein wählen. Nur nicht umknicken, höchste Konzentration nach gut 50km und 2000 Höhenmetern. Die Bäche meide ich um Blasen an den Füssen zu verhindern. Ein Helicopter fliegt durch das Tal und wir winken in die Fernsehkameras, doch die Augen sind nie länger als wenige Augenblicke vom Boden abgewandt. Ausserdem geht es rechts vom Weg in die Tiefe - der Weg der K42er ist Aufgrund des Höhenunterschiedes schon kaum noch auszumachen.

Jens Geröll

Geröll noch ein Bach

Mittlerweile werden auch die Meisterschaften im Wettrülpsen ausgetragen. Vor mir, hinter mir, ich selbst. Es gibt wenige, denen diese Getränkemengen und das Durcheinander an ISO, Riegeln, Gel und Snacks nicht auf den Magen schlägt. Hier stört das keinen.

Nach 5km und einer Stunde erreichen wir den nächsten Verpflegungsstand. [Zeit: ca. 8:00h]. Kurze Pause und Interviews mit den Streckenposten: Da liegen Mülltüten als Regenjacken bereit, falls das Wetter umschlägt. Die Wasserversorgung ist in diesem Jahr hier ober schwierig, da die Schneefelder im warmen April/Mail abgeschmolzen sind. Der führende Russe hatte nur 2.5min Vorsprung und "der trinkt nicht, der schüttet sich nur einen Becher Wasser in den Nacken und ist weg...".

schon wieder ein Bach Wolfgang

Verpflegung mitten in der Wildnis

Weiter steinehüpfend zum Scalettapass. Den letzten Anstieg lassen wir es langsam gehen um fit zu sein für Beat Villinger, den Rennarzt mit der Lizenz zum Rauswurf. Er schüttelt mir die Hand, sagt "Herzlichen Glückwunsch", schaut mir dabei tief in die Augen und lässt mich weiterziehen. Eine Art Passkontrolle (haha!). Später erfahre ich, dass in diesem Jahr alle durchgekommen sind. In den vergangenen Jahren wurden dehydrierte Teilnehmer für eine halbe Stunde an den Tropf gehängt und dann weitergeschickt. Der Heli kommt nur noch für Brüche hierher.

Verpflegungspause. [Zeit: 8:45h]. Noch 15, 16, 17km und über 3h bis zum Zielschluss. Ich werde es schaffen und wenn ich da jetzt runterhumpeln muss. Essen, trinken, dann steil bergab nach Dürrboden.

Die Oberschenkel und die Leiste schmerzen. Kleine Schritte, abrollen, Steine treffen, nicht umknicken - bloss nicht umknicken. Es geht immer schneller, der Rhythmus passt. Wolfgang folgt, zieht vorbei, will auf mich warten doch ich winke ab: "lauf durch!". Er ist einfach zu schnell. Vielleicht schafft er seine gewünschten 10:45h noch. Ich werde ankommen. Vor Freude schiessen die Tränen in die Augen. Ich singe "Coming Home" aus dem "Love at first sting"-Album der Scorpions, keine Ahnung warum; habe die Scheibe seit 10 Jahren nicht gehört. Davos ist nicht mein "Home" und die Scorpions mag ich auch nicht mehr, aber trotzdem singe ich.

Die Steine schlagen durch die Sohlen. Ich wollte ja unbedingt mit den leichten DS Trainern die Berge erklimmen, und nun bekomme ich die Quittung. Die Konzentration lässt nach. Mittlerweile läuft jeder für sich im Abstand von mehreren zig Metern. Auch ich will nicht mehr reden; will alleine sein. Es wird kaum noch überholt. Gehpausen. Die Wiesen im Dischmatal sind eine Wohltat für Füsse und Gelenke. [Zeit: ca. 9:30].

Die ersten 60km waren anstrengend. Die letzten 18km tun weh!

Beim nächsten Verpflegungsstand fragt ein Däne wie viele Kilometer es noch bis zum Ziel sind. Ich versuche mit meinem 1/2 Jahr VHS-Schwedisch als Dolmetscher behilflich zu sein, erinnere mich aber nur noch an die Zahlen von 1-10. Gemeinsam zählen wir bis 14 weiter und ich erhalte ein dickes Lob für meine ausgezeichneten Sprachkenntnisse (prust!). Der Däne zieht ab. Fast endlos die letzten 10km. Zur Ablenkung nehme ich mir ein Dextro pro Kilometer.

Noch 3.5km. Gemeinsam mit Sabine aus Büchen (bei Hamburg) geht es kurz vor Davos noch einmal scharf links in den Berg. Die COOP-Fähnchen fehlen - Schrecksekunde - wir sind verunsichert: "verlaufen?" Nein, nach der nächsten Kurve geht es weiter hinunter nach Davos Platz. "Ich bin 3x in Biel gewesen, aber das war ein Witz gegen das hier.." sagt sie.

Passanten klatschen und rufen "Noch 1km". Sie lügen, ich weiss es! [Zeit: Kurz vor 11h] egal, in 10 Minuten ist alles vorbei. Die letzten Geraden, nochmal an Zuschauern vorbei und dann....

...das Stadion. Eine halbe Runde noch. Ich entdecke Wolfgang der im InField liegt und mir zuwinkt, da steht Rudi, der am Streckenrand mit der Kamera meinen Zieleinlauf fotografiert. Dann ist Schluss. Das Display zeigt [Zeit: 11:03:xx]. Durch einen Kanal geht es zunächst zur Startnummern-Coupon-Abgabe, der Finisher-Shirt-Ausgabe und dann zu den Getränken. Ich kann keines dieser Gesöffe mehr sehen (bähh!). Auf dem Innenfeld gehe ich in die Knie. Rudi hat mir Duschzeug mitgebracht. Es sieht frisch aus - ahh, wir haben uns ja auch 8h nicht mehr gesehen. Wolfgang kommt zu uns: er hat 10:52h gebraucht und anschliessend erstmal 5 Minuten geheult. Auch ich muss auf alle Viere, die Anspannung herauslassen. Dann wird mir kalt. Es ist Abend.

Am nächsten Morgen sitzen Rudi und ich auf dem Balkon unserer Ferienwohnung und trinken einen Kaffee nach dem anderen. Ich habe keine Probleme mit den Muskeln (kommt bestimmt noch!) aber die Leiste wird immer schlimmer. Immer wieder muss ich von einzelnen Bildern und Erlebnissen berichten. In meinen Gedanken bin ich noch "da oben". Das ist fast eine Woche danach auch noch nicht besser geworden ;-) Im Zug zurück nach Zürich treffen wir Sabine und Ulf - mit ihr war ich die letzen Kilometer gelaufen. Er hat 8 Stunden gebraucht und wir quatschen noch über einige andere Veranstaltungen die es auch wert wären.

Ob ich das nochmal mache weiss ich nicht, es gibt ja noch so viele Abenteuer.... ;-))



(Immer am Handgelenk: Pulsuhr und Kameratasche mit Streckenprofil - sehr praktisch!)

Team Ronja present

TorTour de Ruhr - längstern Nonstoplauf Deutschlands.

Most Wanted

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