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OstseeMan Glücksburg
3,8km Swim - 180km Bike - 42,2km Run

3. August 2008

"Gott im Himmel: Ich bin nun ein *echter* Triathlet geworden,..."

In Gedanken um die Farbwahl der Rundenbändchen.


Meer, Strand und 226km

Sonntag früh, kurz vor 07:00 Uhr. Da stehe ich nun bis zur Hüfte in der Ostsee, einen Gummianzug an, rosa Badekappe (wer's tragen kann!), und warte. Ich warte darauf, dass pünktlich zum Startschuß der Holz-Kai einstürzt, der von der Glücksburger Strandpromenade aus direkt in die Ostsee reicht und auf dem sich mittlerweile Hunderte von Zuschauern tummeln.

OstseeMan heisst heute der "längste Tag des Jahres". "Längster Tag", haha - den Triathlon PR-Beratern sollte ich mal einen TorTouristen auf den Hals hetzen, die wissen was *lang* ist. Nein, im Ernst: Die Stimmung ist super und Vangelis tönt aus dem Lautsprecher - Gänsehaut in Neopren.

Es gibt drei gute Gründe, weshalb ich mich hier angemeldet hatte: Zum einen war im letzten Jahr in irgendeiner Triathlon-Zeitschrift ein Bild abgebildet, auf dem ein Gummianzugmann aus dem Meer steigt. Dazu der Hinweis, dass das die einzige Triathlon Langdistanz (3,8km swim, 180km bike, 42km run) in Deutschland sei, die im Meer geschwommen wird. Wow - war ich beeindruckt! Zum anderen dachte ich: Wenn du dich im Winter schon so lange mit dem Radtraining (5000km, davon 1.500 auf den Rolle) quälst, dann nutz' das doch gleich doppelt aus. Gesagt getan, stehe ich 4 Wochen nach dem IronMan Germany in Frankfurt hier wieder am Start. Zu guter Letzt: Die Sammelleidenschaft gebietet es, sich mit möglichst vielen, markant klingenden Titel wie "Iron-", "Ostsee-" oder sonstige "Man" zu schmücken. ;-)

Zurück zum Strand. Ich verabschiede mich von Yogi, den ich von zahlreichen Ultras kenne. Mit ihm und Gabi teilen wir uns eine Campingplatz-Parzelle und zelebrieren das Wochenende. Im Gegensatz zu meiner ständigen Wechselzonen-Beutel-Nestelei ist Yogi heute Morgen die Ruhe selbst. Beneidenswert. Diese mentale Härte hat er schon gestern beim Bike-Check-in gezeigt, als er sein Mountainbike vorführend die staunenden Blicke auf sich zog, und dem Kommentar "Oh, da kommt einer mit einem Unimog!" lachend standhielt. :-)

Der Regen, der seit 04:00 Uhr auf uns nieder prasselt hat aufgehört. Vielleicht kann ich meinen Tria-Strampelanzug den ich drunter trage ja den Rest des Tages über anbehalten und spare so kostebare Zeit beim Umziehen. Zeitoptimierung ist nämlich ein ganz grosses Kapitel bei den Triathleten, weil am Ende nicht nur die einzelnen Disziplin-Ergebnisse, sondern auch die Wechselzonen-, sprich Umziehzeiten, miteinander verglichen werden. Denkt man jedenfalls. Hier in Glücksburg wird etwas anders abgerechnet, doch das erfahre ich erst später.

Vor uns liegt ein durch Bojen abgesteckter Rundkurs, den es 2x zu schwimmen gilt.

Startschuß!

Mit "nur" 700 Teilnehmern etwas entspannter als in Frankfurt, geht es mit der Strömung vorbei an Quallen und sonstigem Getier bis zur ersten Boje. Die Sicht unter Wasser ist erstaunlich gut - Tauchurlaub inklusive also! Dann wechselt der Kurs in die entgegengesetzte Richtung und wegen Wind und Wellen ist ab nun so recht kein Vorwärtskommen mehr. 3 Kraulzüge und die Bezugspunkte am Meeresgrund bewegen sich kaum einen halben Meter. Auch das Luftholen klappt nicht - die Wellen bringen einen total aus dem Rythmus. Salzwasser einsaugen, durchspülen, ausatmen - bähh.

Irgendwie ahnte ich schon im Vorfeld, dass mir das Salzwasser nicht bekommen würde. Dazu kommt jetzt leichter Seegang, Wellen und ewig diese gottverdammt kraftraubende Strömung. Die Folge: Nach 1.5 Runden habe ich zu viel Meerwasser eingeatmet und werde dazu noch Seekrank. Keine Chance: Ich muss den Fischen das Frühstück überlassen. Klingt ekelig, ist - wenn man darauf vorbereitet ist - aber halb so schlimm. Die Jungs vom DLRG sollen bloss bleiben wo sie sind. Der Rest des Tages kann nur besser werden und nach endlos dauernden 1:32:14h steige ich aus dem Wasser.

Dann geht alles ganz fix: Strand, Beutel greifen, zur Wechselzone laufen (jedenfalls so eine Art laufen) und profimäßig schon im vollen Galopp den Neo halb ausziehen. Wieso sind Neos eigentlich in 10 Sekunden runter, während das Anziehen 60x so lange dauert? Julia küssen, was von kotzen zurufen (ok, hatte ja schon wieder 1km lang gespült!), rasch Schuhe, Helm, Brille, Rad grabschen und raus auf die Radstrecke: 6x30km.

Wie zu erwarten gibt es ab und zu Gegenwind auf den langen Geraden - OK. Aber so viele Hügel und verwinkelte Örtchen hatte ich nicht erwartet. Seichte, langezogene Anstiege von der Sorte "Im Sattel bleiben oder raus?". Als Ausgleich dafür kurze, knackige Abfahrten mit Achterbahnpotential. Dem Training in den Sauerländer Bergen ist zu verdanken, dass ich hier nur den "längsten Tag" und nicht die "längste Woche" des Jahres verbringe. Mit dem ständigen Fahrbahnwechsel bin ich allerdings gedanklich überfordert. Mal die eine Spur, mal Gegenfahrbahn, mal mit mal ohne Auto-Verkehr - abenteuerlich. Dass die Strassen nicht vollständig gesperrt sind, ist mancherorts echt riskant.

Das schöne an einer kleinen 30er Runde ist, dass man endlich auch mal sieht, wozu diese Voll-Scheiben-Hinterräder benutzt werden können. Wer so ein Ding hinten am Rad hat, soll ja die absolute Laufruhe gepachtet haben und mindesten 36-37km/h treten können, sonst überwiegt der Nachteil durch Gegen- bzw. Seitenwind. Mein persönlicher Voll-Scheiben Quotient liegt bei ca 20:4. Zwanzig Radfahrer, die mich überholen (es können auch ab und zu die Gleichen sein, die mich überrunden), und vier, die ich einkassiere. Den Vieren gehört so gutes Material eigentlich konfisziert. Der Veranstalter könnte sie im Ziel gleich demontieren lassen, vor Ort meistbietend versteigern, und dafür Bifi und TUC-Kekse im Supermarkt kaufen gehen. Der Süsskram an den VPs hat meinen Zähnen nämlich eine neue Altersklasse beschert.

Treten, treten, treten....! Als es in der 5. Runde auch noch anfängt zu regnen (heidewitzka - ein Teilnehmer stürzt vor mir in der Kurve), bin ich total durchgefroren und will nur noch auf die Laufstrecke. Auch die klasse Tour-de-France Bergankunft-Stimmung in Glücksburg City kann mich nicht davon abbringen, nach 180km vom Rad zu steigen. Es reicht mal wieder! Im Schweinsgalopp zum nächsten Beutel und endlich, endlich geht's an's Laufen.

Beim Schuhwechsel lerne ich kurz Isa, den symptaischen Gladbecker türkischer Herkunft kennen. Er ist total entkräftet, erzählt vom Gegenwind, und bietet den um uns herum Umziehenden Magnesium oder sonstwas an. Ich biete im Gegenzug Salztabletten feil und dann beschliessen wir erstmal den Rest auf einer Arschbacke abzulaufen.

Auf-die-Uhr-guck und überschlagen - schwimmen, radeln, ...passt! Aus messtechnischen Gründen werden dem Radsplit beide Umziehzeiten hinzuaddiert, was man aber erst später daheim aufklären muss. Egal, bin noch gut in der Zeit für unter 12h, und ein Marathon in unter 4h geht ja bekanntlich immer ;-) Ein, zwei Cola und dann raus auf die Strandpromenade wo der Teufel los ist. Die Zuschauer und der Streckensprecher geben alles. "Nur" noch 5 Runden a 8,4km laufen. Erstmal Vollgas damit mir wieder warm wird...

Der Marathon ist, ohne Übertreibung, einer der schönsten meines Lebens! Entlang der Standpromenade, Superstimmung, die Sonne kommt heraus, Campingplatz, Schlosspark, See, Wald, Yachthafen - alles herrlichst! Einen nach dem anderen Radfahrer kann ich nun einkassieren. Herrje, tun mir einige leid mit ihren Krämpfen am Wegesrand. Auch Staffelläufer lasse ich hinter mir (die tun mir nicht leid, sind doch erst 2-3 Runden unterwegs).

Nach jeder Runde gibt es ein Bändchen um den Hals, damit alle (und besonders man selbst) anhand der Anzahl wissen, wieviele Runden man noch machen muss, oder ob man nun in den Zielkanal abbiegen und damit finishen darf. Rechts und links stehen 2-3 vom Helferteam, die diese Bändchen in unterschiedlichen Farben anreichen. Ganz im Rausch greife ich nach immer derselben Farbe, weil ich finde, dass sie am besten zu meinem Strampelanzug passt. Gott im Himmel: Ich bin nun ein echter Triathlet geworden, denn auch in der größten Erschöpfung achte ich noch auf solche Details. Das ist nämlich nach Zeitoptimierung der Trias zweitliebste Beschäftigung: Good looking! ;-)

Vor lauter Begeisterung über meine gute Verfassung laufe ich ziemlich fix, esse mit Julia an der Strecke noch ein Nogger und bin schliesslich nach 11:43:33h nun auch ein OstseeMan. Den Fischen von heute Morgen ist das allerdings total egal...


Fotos mit freundlicher Genehmigung von Yogi. Bilder dazu in Yogis Fotoalbum.

Nachtrag: Ich bekomme immer mehr Rückmeldungen von Trias, die im Meer ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Scheint also ein offenes Geheimnis zu sein, das einem da übel wird ;-)

Team Ronja present

TorTour de Ruhr - längstern Nonstoplauf Deutschlands.

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