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Marathon des Sables - 237km in 6 Etappen - Sahara

8.-19. April 2004

"Your blisters look beautiful!" (Doc Trotters)

4. Etappe: 76 km DAYET CHEGAGA / JEBEL MEGAG

(Non-Stop Etappe)

[ 564 competitors, 42° degrees, 8% humidity ]

Durchkommen in einem Stück, egal wie lange es braucht, dann gibts einen Ruhetag (ach ja, diese kleinen Annehmlichkeiten... ;-)

MdS2004

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Einpacken, frieren, frühstücken, umziehen. Komisch, ich verspüre keine Angst vor der Strecke. In den Vorberichten hatten alle nur diese Etappe im Kopf. Egal. Die 76km werden anders eingeteilt, Pausen sind drin und allein wegen des Essens auch notwendig. Zeitziele gibt es nicht - nur *durchlaufen*, da sind sich alte wie junge Hasen einig. Es wird Dünen geben, gleich zu Anfang und dann noch zum Schluss in der Nacht. Mir fällt Sandro ein, der beim Vortreffen in Reichenbach erzählte, wie sie bei Sandsturm in der Nacht gegen die Dünen gelaufen waren, weil man nichts sehen konnte.

MdS2004

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Wir starten wieder zu viert - Mario, Andi, Kurt und ich. Gleich in den Dünen bis CP1 verlieren Mario und ich die anderen Beiden. 1:20h für 9.5km Dünen - Super! Wir beschliessen diesen guten Run bis CP2 bei KM21 fortzusetzen und ggf. dort auf die anderen beiden zu warten. Der Boden wird "laufbarer" und was wir haben haben wir.

Eine so lange Strecke will gut eingeteilt werden und Mario schlägt den Schlachtplan vor: von CP zu CP max. 2h Laufzeit und 30min Rast für Kopf und Körper (vor allem aber für den Kopf, damit er sich auf eine neues Ziel - den nächsten CP - einschiessen kann). Summasumarum macht das bei 6 CP's plus Ziel 7x2h +3h Pause = 17h = Zieleinlauf um 02:00 Uhr Nachts. Alles was wir Aufgrund guter Bodeneigenschaften oder Laune schneller schaffen geht auf das Schlaf-haben-Konto, wenn's später wird ist auch egal. Das Zeitlimit steht bei 36h oder so.

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Nach 3:30h erreichen wir CP2. Etwas Rast, Riegel essen, Mario muß seine Füße begutachten und auch ich lüfte kurz. Als wir nach 30min weiter ziehen wollen sehe ich Kurt und Andi in der Ferne. Kurt will langsamer angehen, Füße und Rücken schmerzen - jedes Kilo zu viel Rucksack rächt sich (Mannomann, geht's mir gut!). Andi will mit weiter und so nehmen wir unsere 3L Wasser (warum nur soviel für die 12-13km?) und rollen an.

Mario und Andi haben Probleme mit Blasen, können schlecht gehen, dafür laufen. Nur das "anrollen" dauert ewig ;-) Mein rechtes Knie meldet sich, aber laufen ist mir immer noch angenehmer als strammes Gehen. Und so rollt der Roadtrain an und hält nicht bis CP3. Mario vorneweg, ihm gefällt die Monotonie, zieht gerne - dafür ist er schwer ansprechbar. Andi und ich abwechselnd dahinter. Hirn raus, Brötchen rein.

Gravel, Steine, alles läßt sich laufen - das Zeitguthaben-Konto unseres Planes läuft fast über. Irgendwann leuchtet mir ein, warum wir soviel Wasser schleppen müssen - es ist schlichtweg Mittagshitze (43 Grad) und es geht kein Wind. Unter der Kappe und dem Nackenschild gart es. Mir macht Hitze nichts, ich kann sie im Kopf ausknipsen im Gegensatz zu Kälte. Darum werde ich wohl auch nie beim Yukon Artic Ultra starten...

Einiges vor CP3 überholt uns der Ahansal-Zug. Die führenden Brüder mussten gemäß Reglement heute 3h später starten und haben hier ein Tempo, dass ich glaube rückwärts einzuparken - unglaublich! Anfeuern, gute Laune zurück, es scheint als ob sie *richtig* Spass beim Geldverdienen haben.

MdS2004 MdS2004

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Wie erreichen CP3 gut 1:40h nach den letzen CP - Top-Zeit und gutes Gefühl. Kein Grund also den Plan zu ändern: Rast. Es zieht ein Sandsturm auf. Vermummung. Ich hole die Chlorbrille raus, dicht und sicher für die Augen. Es ist meine einzige Fehlentscheidung in punkto Ausrüstung: Der Sand zerkratzt die Kunststoffoberfläche und die Sicht wird immer schlechter. Zum Glück ist der Spuk nach einer halben Stunde vorbei. Marios Füße schmerzen immer mehr. Gehpausen. Trotzdem bleiben wir 3 zusammen bis CP4. Nach 2:30h (Aha, unser Schlachtplan-Konto kennt auch Abbuchungen!) ist ein Besuch bei den Doc Trotters dort unvermeidlich. An den CPs sind heute stets Zelte zum Ausruhen bzw. zur ärztlichen Behandlung aufgebaut. Es dauert 40min, aber Andi und ich wollen erst abwarten, ob er weiter mitlaufen kann.

MdS2004

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Die Sonne geht unter - malerisch. Wir stehen kurz vor einem Palmenhain - Fototapete. Es wird kühl, also langes Zeugs anziehen. Ein paar britische Soldaten bieten Süßigkeiten an und fragen wo wir herkommen. "Hagen, next to Dortmund, next to Colonia" - "Ahh, Hagen. Ich war jahrelang in Iserlohn (8km entfernt) stationiert." antwortet er. Zufälle gibt's...ich kenne die Briten-Häuser, wir haben sie uns angeschaut, als sie versteigert wurden.

Mario will "gehen" und auf Kurt warten, der wie bestellt eintrifft. Die Nacht-Etappe also gemeinsam mit Andi. Noch 33-34km. Stirnlampe an, Leuchtstab an den Rucksack, der Weg wird besser, und wir lassen es fliegen: 6:00er Schnitt für ein paar Kilometer. Die Strecke streift nun bewohntes Gebiet. Die Kinder und Jugentlichen scheinen gefallen an den Leuchtstäben für die Wegmarkierung gefunden zu haben - sie sind futsch. Als wir uns an einer Kreuzung im Palmenhain verlaufen tritt ein Mann aus dem Gebüsch: "a droite monsieur", sprach's und verschwand wie er gekommen war. Unheimlich. Das Tempo wird höher.

Von hinten nähern sich zwei Jeeps der Organisation und wer sitzt im Ersten, lacht, fragt wie es geht und reicht mir die Hand? Ja, einer der Doppelgänger von Patrick Bauer. :-) Er entschuldigt sich, für etwas, was ich nicht verstehe (mein Schulfranzösisch ist einfach zu lange her). Es muss irgendetwas mit dem Staub zu tun haben, den sie kurz darauf aufwirbeln, denn die Fahrzeuge müssen hier kurz den gleichen Pfad nehmen wie wir Läufer. Dann sind wir wieder allein.

Kurz vor KM 50 geht es durch einen kleines Dorf und mitten durch eine Cashbar - eine Art Einkauszentrum aus 1001-Nacht. Ein Labyrinth aus Lehm. Beeindruckend und unheimlich zugleich - so mitten in der Nacht. Was die Menschen hier wohl über ein paar Bekloppte denken, die mit Rucksack bei der Hitze durch die Gegend laufen? Nein, von Hitze kann für sie ja keine Rede sein, auf der Busfahrt von Quarzazate aus habe ich viele Einwohner mit Winterklamotten (!) gesehen. Wir sind so schnell draussen wie wir reingekommen sind.

Weiter geht es raus in die Nacht. Wir treffen u.a. Australier und Engländer, die zwar auch öfters den Kompass befragen, sich aber offensichtlich "von Berufs wegen" besser damit auskennen. Jedenfalls marschieren einige dieser Jungs und Mädels zielsicher durch die folgenden Dünettes. Wahrscheinlich deklarieren einige Nato-Kampfverbände den MdS als Betriebspraktikum oder Fortbildungsurlaub (haha ;-)

Die Dünen sind in der Dunkelheit schlecht zu laufen. Ich kann den Kraftaufwand bergauf nicht abschätzen, weil ich den Gipfel gar nicht sehe, und bergab schlage ich hart auf den Boden, weil ich den Talboden zu spät erkenne. Oben auf jeder Düne sieht man wieder Leuchtstäbe in der Ferne, im Tal nix, am nächsten Hochpunkt dann wieder die Richtung festlegen. Steinige Piste und Dunettes im Wechsel.

Am CP5 muß nun Andi seine Füße und Blasen verarzten lassen. Ausser dem rechten Knie ist bei mir alles ok. Arme Doc Trotter - sie haben eine lange Nacht vor sich. Ab hier können die Teilnehmer biwakieren, d.h. sie müssen rund um die Uhr stinkende Füße behandeln. Auch dann noch, wenn wir hoffentlich schon im Schlafsack liegen.

Wir laufen weiter, Stunden vergehen. Geschichten wechseln den Besitzer. Der Sternenhimmel ist phantastisch. Das ist sie, die Non-Stop-Etappe. Es ist 22:00 Uhr, noch 3-4h und der Spuk hat ein Ende. Das Geläuf ist müde, der Rest auch, aber es geht weiter. Manchmal schweigen wir auch für eine halbe Stunde, aber alleine würde ich nicht laufen wollen. Jedes Licht am Horizont können Sterne, Läufer oder Jeep-Scheinwerfer vom CP6 sein. Leider gibt's dieses Jahr keinen Laser zur Orientierung (s. Berichte der letzten Jahre). Die Körper-Akkus sind alle, die Beine taub - wir wollen das jetzt nur noch hinter uns bringen.

Dünettes, Geröll, bis zum Horizont. CP6. Ein Lagerfeuer - schön und warm. Keiner redet hier viel, die Doctores sind müde, die Wasserausgabe immer noch freundlich: "you look great", "good job", gestern haben sie mario gefragt: "Do you want to marry me?".

Noch 6km, 1x Dünettes im Dunklen und dann sehen wir von den letzten Dünen aus den beleuchteten Zielbogen des Camps: Biwak No.5. Noch 30-40min und wir sind drin. Zu müde um uns zu freuen, es zieht sich. Die letzten 500m sprinten wir zum Spass und für den Kopf (wahrscheinlichauch, um hinterher im Laufbericht anzugeben :-) Die Stopuhr zeigt 16:24h. Wo ist Zelt "35" mit der Fahne?

Nina, Eberhard und Ernst-Albrecht sind da, können aber nicht schlafen. Wir kochen erstmal ein Travellunch. "Das die jungen Leute das so hinbekommen mit dem sofort Essen - finde ich gut. Ich könnte das nicht", dabei hat E.-A. uns doch ans Herz gelegt zwecks Regeneration noch vor dem Schlafengehen eine Mahlzeit zu essen. Huhn mit Reis - es schmeckt.

Mittlerweile ist es 03:00 Uhr Ich begleite Nina noch zum Clinique-Zelt, der Magen. Irgendein verschlafener Doc gibt ihr Astonauten-Brei - Füße werden lt. Schild erst wieder ab 07:30 Uhr behandelt.

Es ist geschafft! "Gute Nacht" - der MdS ist doch hoffentlich in der Tasche - oder?

Nachtrag: Der führende Österreicher schläft (?) gegen 22:00 Uhr in den Dünen ein und wacht erst gegen 05:00 Uhr wieder auf. Der (mir) einzig bekannte Zwischenfall.

Ruhetag

Wunden lecken, essen, erzählen, telefonieren. Eine Wüstenwaschmaschine für die Socken basteln, das Salz muss raus: In eine leere Wasserflasche die Socken zwirbeln, Wasser drauf, schütteln, einweichen, schüttlen, Flasche aufschneiden, trocknen. Natürlich *ohne* Perwoll.

Kurt will aufgeben, es hat keinen Zweck mehr. Keine Haut mehr an den kleinen Zehen, die Fussohlen eine einzige Blase, die Ferse auf. Bis zum Klinikzelt in 150m Entfernung benötigt er ca. 10 Minuten. Nur das zugucken tut schon weh. Mario reißt einen Brüller nach dem anderen, wie der Kurt zukünftig seine Patienten in der Uniklinik behandelt: Natürlich ohne Narkose und die OP-Wunden werden anschliessend mit Sand ausgewaschen. Zu gut.

MdS2004

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Jeder hat Wehwehchen: Sehnen, Blasen, Rückenschmerzen, Magen-Darm. Am Klinik-Zelt bilden sich lange Schlangen. Es sieht aus wie im Krieg. Mich schicken Sie vom Medical-Tent wieder Retour: "Your blisters look beautiful!", und schwupp fliege ich mit Tape, Compeed, Desinfektionsmittel und einem Lächeln für den Rückweg wieder raus. Natürlich habe ich die Lacher der "35"er auf meiner Seite, die natürlich alle "Männer"-Verletzungen haben ;-) Also selbst an's Werk: Aufschneiden, desinfizieren, austrocknen lassen. Mit 6 Blasen (eine überspannt 3 Zehen) und einem verlorenen Zehennagel bin ich noch gut bedient.

Schlaf fehlt, Hunger, nur Wasser ist ausreichend. Andi hat noch Trekkingkekse "ohne Geschmack" - hmmm, lecker. Ich würde gerne die Berge ringsherum erklimmen und auf das Biwak herunterschauen, aber ein Sandsturm kommt auf und die Füße tun weh. E-Mails kommen herein: von Außen betrachtet scheinen die Platzierungen als Indikator für meinen Zustand gewertet zu werden, und demnach sieht es jeden Tag schlechter aus um mich. So ein Quatsch, habe doch gesagt ich will das hier nur überleben und nicht gewinnen ;-) Sei es drum: ich muss telefonieren und bescheid geben, dass es mir hervorragend geht. Gesagt, getan - das wohl teuerste Telefonat meines Lebens. Zur Untermauerung platziere ich mich Morgen halt mal etwas besser!

Gegen 14:20 Uhr kommt der Letzte der Non-Stop-Etappe herein. Großer Jubel am Zielbogen.

Der Sandsturm fegt durch das Biwak. Feinster Sand reicht bis in die letzte Ritze. Beim Nase freimachen bekomme ich leichtes Nasenbluten. Bloss nicht in den Augen reiben! Noch zwei Fotos, dann zerlegt es die Mechanik der Kamera. Fast alle liegen eingemummelt im Schlafsack, Sonnenbrille auf, Buff übers Gesicht gezogen - der Wind fegt durch das Zelt und legt sich als feine Schicht auf den Körper. Kochen, umpacken, dann ist um 19:00 Uhr wieder Bettruhe. Morgen noch ein Marathon... Ich schlafe die ganze Nacht mit Buff über den Gesicht.

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5. Etappe

Jens beim MdS

Team Ronja present

TorTour de Ruhr - längstern Nonstoplauf Deutschlands.

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