

| Homepage des Veranstalters: | www.jungfrau-marathon.ch |
| Ort: | Interlaken / Kleine Scheidegg, Schweiz |
| Strecke: | Strasse, Wanderwege |
| Profil: | 1823 m Steigung, 296 m Gefälle |
| Wetter: | "TipTop" - Sonnenschein, strahlend blauer Himmel |
| Teilnehmer: |
Sonntag ca. 3150 |
Vom Jungfrau Marathon hatte ich bereits gehört und gelesen und noch vor allen Kalauern, die der Veranstaltungsname bietet, wusste ich, dass seine Streckenführung vorbei an Eiger (3970m), Mönch (4099m) und Jungfrau (4158m) für die Namensgebung verantwortlich ist. Gestartet wird im Tal, im Kurort Interlaken - das Ziel befindet sich an der kleinen Scheidegg, am Fusse der Eiger Nordwand (siehe X auf dem Panorama).
Ungefähr im Spätsommer 2001 hatte ich meinen ersten Marathon im leicht welligen Hunsrück absolviert und im Ziel-Festzelt einen Läufer mit dem "Jungfrau-Finischer-T-Shirt" entdeckt. Obwohl ich als Jugendlicher die Wanderurlaube mit meinen Eltern in den Alpen immer gehasst habe, reizte mich dieses Dreigestirn. (Vielleicht wollte ich meinem Vater auch nur beweisen, dass Wandern immer noch öde ist, und die Berge auch im Dauerlauf zu erklimmen sind ;-) Weil die Anmeldungen sonst jedes Jahr ausgelost wurden, im folgenden Jubiläumsjahr aber mit einem Doppelstart (Samstag und Sonntag) genügend Startplätze für alle Interessierten vorhanden sein würden, meldete ich mich spontan an.
Freitag, ca. ein Jahr später: In den letzten 12 Wochen hatte ich einen Mix aus Steffnys 3:30h Marathon-Training und einem Berglaufprogramm aus der RunnersWorld in den Beinen - meinen eigenen Trainingsplan. Die kleinen Berge in der Umgebung von Hagen mussten zum Teil 5-6 mal hintereinander erklommen werden, um etwas "Jungfrau" zu simmulieren. Selbst im Frankreichurlaub wird der ein oder andere Tag einem 30km Longjogg in den Bergen geopfert. Macht Laune. Nur die Wasserversorgung wird kompliziert.
Nach der Anreise im Auto, checken wir zu viert (+Husky) im Hotel ein. Ein befreundetes Pärchen hat sich spontan zum Kurzurlaub entschlossen und wir geniessen gemeinsam die Tage in der Schweiz.
Noch am gleichen Abend werden die Startunterlagen im Casino in Interlaken abgeholt. Die Messe bietet überteuerte Laufkleidung (schweizer Preise) aber auch eine Reihe von Infoständen zu interessanten Veranstaltungen (Biel, etc...). Wir beschliessen Zahnradbahn-Tickets für den nächsten Tag zu kaufen und so den Samstagslauf bis ins Ziel zu verfolgen (ein weiser Entschluss, wie sich später herausstellen sollte). Ich starte erst Sonntag.
Samstag, der Tag davor: Das Wetter ist "tiptop". Am Frühstückstisch hören wir den Kanonendonner - das Startsignal. Egal, bis zum Halbmarathon werden wir das Feld per Bahn einholen.
Die Route von Interlaken bis in den Zielbereich am Fusse von Eiger, Mönch und Jungfrau präsentiert sich bei Kaiserwetter. Im Zug geht es bis Lauterbrunnen (HM) genau paralell zur Laufstrecke, und die Teilnehmer werden beklatscht und angefeuert. Die Stimmung in den Dörfern ist Wahnsinn - Kuhglocken, Musikkapellen, johlende Zuschauer.
Auch im Ziel ist eine Bombenstimmung. Die Eiger Nordwand ist atemberaubend, der weite Blick tief hinab in die Täler wunderbar. Wie frisch einige Läufer durch den Zielbogen kommen. Andere sind erschöpft. Einer bekommt wenige Meter vor dem Ziel einen Krampf in der Wade und muss weiterhumpeln.
Wie beschliessen ein paar Kilometer bergab zu wandern. Von hier aus kann man Teile des letzten Anstiegs einsehen. Die Strecke geht steil, die letzten Kilometer flössen Respekt ein und ich nehme mir noch fester vor es Sonntag "ruhig" anzugehen.
Sonntag, der Tag "X": Nach unruhigem Schlaf und Frühstück um 6:00 Uhr vergeht die Zeit bis zum Start zwar schnell, doch meine Pulsuhr spielt verrückt ;-) Ich wecke die anderen und sitze noch mit ihnen am Tisch. Die Sonne kommt heraus. Nach einer kurzen Einlaufrunde und Dehnungsübungen folgt die Verabschiedung von meinen Lieben.
Die letzten Sekunden bis zum Start, der Blick nach rechts ("da gehts rauf!"), in den Gesichtern ist Anspannung und Freude zu sehen (in meinem Anspannung) und ... mit einem Donnerschlag geht's los. Eine 3km-Runde durch Interlaken, nochmal am Startplatz vorbei damit es sich für die Teilnehmer und die Zuschauer auch wirklich lohnt ;-), dann über Bönigen Richtung Wilderswill.
Die ersten 10km: *Ruhig Blut* bewaren, 5:30er Schnitt, der Puls reorganisiert sich, die Stimmung unterwegs ist Klasse. Ein Schweizer mit grüner Startnummer (aha, startet Sammstag UND Sonntag :-O) belehrt mich, nachdem ich mich als Greenhorn zu erkennen gegeben habe, dass man sich ab km 26 die Strecke so richtig durch die Beine gehen lassen muss. Offensichtlich ein Geniesser :-) Jetzt habe er aber keine Zeit mehr für mich und "hast du nicht gesehen" eilt er hinfort.
Ein Mann hat seinen Hund im Geschirr mit dabei. Hier in den Bergen stört sich keiner daran. Beim Städtemarathon undenkbar! Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass das Führen des Hundes vom Läufer viel Kraft erfordert, weil man ständig Kommandos bezüglich Tempo und Richtung rufen muss. Hunde, die an das Laufen im Geschirr gewöhnt sind, haben nichts anderes im Sinn als die Lauferei. Ein toller Anblick. Da hätte ich Ronja, unsere Siberian Husky Hündin, auch mitnehmen können. Nun begleitet sie meine Gefährten.
Km 10-20: ich drossele das Tempo auf 6:00, schliesslich sind erst 250 von 1800 Höhenmetern getan, also Kräfte sparen. Hätte ich gestern nicht die Strecke begutachtet, wäre ich nun ins Messer gelaufen. Ständig kreisen Hubschrauber der Bergwacht mit Gepäcknetzen - vielleicht um die entlegenen Versorgungstellen zu beliefern. Die Getränke an den Ständen sind ok (Wasser, Cola, Iso), die Riegel süss, die Gel-Päckchen ekelhaft. Wer denkt sich Kokos-Geschmack bloss aus? Noch schlimmer ist "ohne Geschmack".
Bis km 26: Flache Etappe in Lauterbrunnen, hier steht mein Supportteam und jubelt. Das tut gut :-). Ich gebe meinen Getränkegürtel ab, die Versorgung ist ja bestens. Vorbei geht es am höchsten, tieffallendsten (?), halt irgendein Superlativ-Wasserfall. Das Wetter ist sogar noch besser als Samstag. Trotzdem ist es kalt im Schatten und ich bin froh über die dünnen Handschuhe (Pahh - trägt Paula Redcliff auch - haha).
Km 26-30: Serpentinenaufstieg nach Wengen. Zum Teil nur "gehbar",einige Teilnehmer leiden unter Krämpfen. Die 4 km kosten mich 45 min obwohl ich stramm durchziehe und nirgens anhalte. An jedem Getränkestand 2 Becher mitnehmen. Ab und zu Riegel, Bananen mag ich heute nicht. Erst 700 Hoehenmeter...wie soll das noch werden?
In Wengen (ca KM 30) ist die Sau los. Das Wetter hebt auch bei den Zuschauern die Stimmung. Einige lesen die Namen unter den Startnummern und rufen uns beim Namen, feuern an. Mir fällt ein Läufer auf, der mit dem Kopf kullert, wie es Zatopek getan haben muss. Er kriecht die Anstiege hoch und rast dafür - halsbrecherisch und Arme rudernd - an uns vorbei, sobald es mal leicht bergab geht. Mir geht es prima - bloss keinen Krampf bitte - viel trinken!
Bis Km 38: Wen wundert's? Es geht bergauf! Die Sanitäten haben viel zu massieren. Ich spekuliere auf eine Zielankunft von knapp unter 5:00h zumal doch noch 40 min Zeit sind (hahaha). Die Aussicht ist herrlich, ich fühle mich top. Nun gibt es als Verpflegung auch Brühe. Hmm - Salziges.
Dann geht es richtig [tm] bergauf, an einigen Stellen auf allen Vieren. Ich glaube eine Ziege hat irgendwann meinen Weg gekreutzt - kann aber auch Einbildung gewesen sein :) Und schliesslich - dort oben steht er, bei KM 41 (?) am höchsten Punkt der Strecke steht der Dudelsackspieler und spielt "When the saints go marching in". Doofes Lied aber ich freue mich trotzdem, ehrlich. Nein keine Einbildung, ich klopfe auf seine Schulter - der ist echt. Die letzten paar Hundert Meter geht es bergab Richtung Ziel, kurz davor schaffe ich noch eine Pirouette zur Belustigung meiner Begleiter und finishe dann nach 5:16h.

Ein Wahnsinnsgefühl.
Ich bin noch nie in meinem Leben so lange am Stück gelaufen. Und mein erster Gedanke ist: Na, da geht doch noch etwas :-)
Der Veranstalter hatte übrigens vollkommen recht: Marathonzeit (3:30) + 90 Minuten + 16 Minuten die ich mir herausnehme um unterwegs die Berge zu bestaunen. Leider wird das Zeitlimit für die letzten Teilnehmer zum Fiasko. Wen stören nach solchen Anstrenungen und vor diesem Panorama ein paar Minuten Zeitüberschreitung? Der Besenwagen ist hier witzigerweise ein Mountainbiker, der einen Reisigbesen am Rucksack trägt.
Eine Pizza, eine Brühe und alles wird gut. Logistisch gesehen sind die Dusch-Zelte eine Meisterleistung hier oben - heiss und ausreichend. Anschliessend geht es Talwärts mit der überfüllten Bahn.
Montag, the Day after: Keine Blasen, kein Muskelkater - die Vorbereitung muss also gut gewesen sein ;-) und mein letzter Berglauf war das auch nicht!
[siehe auch Bericht 11. September 2004]