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Eiger Ultra Trail
(101km, 6.700HM), Schweiz

20.-21. Juli 2013

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Was ist denn da bloß los in den Alpen? Im vergangenen Jahr war die Premiere des Swiss Iron Trail T201 wegen schlechten Wetters abgebrochen worden. Der Ultra Trail du Mont Blanc musste auf Grund von Unwettern in den vergangenen drei Jahren mit Rennabbrüchen und Streckenänderungen kämpfen. Ende Juni diesen Jahres hatten die Organisatoren des Lavaredo Ultra Trail in Italien den Kurs wegen Schneefalls ab 1900m Höhe auf den letzten Drücker von 118 auf 85 Kilometer verkürzt. Und als zwei Schweizer Freundinnen zu Trainingszwecken Mitte Juni Streckenabschnitte des neuen Eiger Ultra Trail - E101 - rund um Grindelwald ablaufen wollen, geraten sie mitten im Sommer in durch Schnee unpassierbare Passagen.


Großen Scheidegg. Erste Verpflegung.

Sind Veranstaltungen dieser Größenordnung angesichts der rasch wechselnden Wetterverhältnisse in den Bergen gar nicht plan- und durchführbar? Wehrt sich die Natur?! Oder sind die Läufer schlicht zu unerfahren, überschätzen ihre Fähigkeiten und reagieren die Organisatoren daher übervorsichtig?

Auf dem Papier macht das neue Ultra Trail-Event am Fuße der Eiger Nordwand sofort einen gewaltigen Eindruck: „Grindelwald lanciert den Eiger Ultra Trail und eröffnet damit den ersten Ultra Trail im Berner Oberland – dies am Fuße von Eiger, Mönch und Jungfrau! Mit den Etappenorten Große Scheidegg, First, Berghotel Faulhorn, Schynige Platte, Wengen, Männlichen, Lauberhorn, Kleine Scheidegg und der Traverse unter der Eiger Nordwand wird nicht nur Spektakel sondern einmaliges Bergambiente geboten. Start- und Zielort ist das Gletscherdorf Grindelwald am Tor des UNESCO Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch.“

Diese Ansage hatte gesessen. Binnen kurzer Zeit waren die 400 Startplätze des mit 101km und 6.700 Höhenmeter ausgeschriebenen Hauptlaufes E101 ausgebucht. Auch die Alternativen E51 (51km, 3.100HM) und E16 (16km, 960HM) sind lange vor dem Startschuss dicht und während der Startnummernausgabe und der sehr gewissenhaften Pflichtmaterialkontrolle am Vorabend des Starts, gibt es allenthalben nur zwei Gesprächsthemen: „Wie wird das Wetter?“ und „Warum hat es vor dieser einmaligen Kulisse, wegen der der Jungfrau-Marathon viele Jahre zum schönsten Marathon gekürt wurde, erst jetzt einen Ultra, der alle Highlights im Berner Oberland miteinander verbindet?“

Eine Prise Abenteuer und Aufregung liegt schon in der Luft, als Punkt 05:00 Uhr am Morgen der Startschuss in Grindelwald fällt. Neben Top-Stars wie Iker Karrera und Francesca Canepa hatte u.a. der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck gemeldet, sich jedoch mit dem Hinweis „Ich glaube für mich wäre der Eiger Ultra Trail (E101) härter als die Eiger Nordwand solo....." nur beim E51 eingeschrieben.

Gleich zu Beginn der großen Runde um Grindelwald komme ich am 8km steilen Aufstieg zur Großen Scheidegg mächtig ins Schwitzen und muss in den Rucksack greifen, um auf kurze Kleidung zu wechseln. Obwohl die Sonne noch hinter den Bergen schlummert, ist es bereits ungewöhnlich warm. Ungewöhnlich auch, dass nach 1000 Höhenmetern bereits einer von immerhin dreizehn reichhaltig ausgestatteten Verpflegungsposten eingerichtet ist. Wasser, Iso, Boullion, Gels, verschiedene Riegel, Brot, Käse, Wurst, Trockenfrüchte, Schoggi, Biberli werden angeboten. Bei vergleichbaren Events in Frankreich, Belgien und Spanien gilt teils Wasser und Brot, teils die Hälfte der VPs als ausreichend.


Richtung Schynige Platte

Der Weg hinüber zur First beschert sogleich eines der phantastischsten Erlebnisse, die Trail-Running überhaupt bieten kann: Einen Sonnenaufgang in den Bergen. Das Licht, der blaue Himmel, die von der Sonne in Orange getauchten, schneebedeckten Gipfel der Drei- und Viertausender – ich kann mich gar nicht satt sehen, schweife mit dem Blick in die Ferne und bin froh, dass ein paar Kilometer unkomplizierter Forstweg keine Konzentration von mir abverlangen.

Die Extraschleife hinab nach Bort vernichtet 600 Höhenmeter auf vier Kilometern und führt im Gegenanstieg zurück zur First. Für ungeübte Bergab-Läufer wahrlich kein Zuckerschlecken. Den Fußsohlen und der Schuhpassform wird schon recht früh einiges zugemutet. Technische Trails lassen jedoch noch auf sich warten. Die folgen erst direkt hinter dem Bachsee, dem Postkartenmotiv der Route mit Blick auf das Faulhorn. Statt dem direkten Weg dorthin zu folgen, führt uns der E101 erst auf Umwegen um Reeti und Simelihorn dort hinauf. Es geht über feinsten Schweizer Trail-Untergrund: Alpin, schmal, steinig, durchweg trocken, ab und zu Felsen, mal mit Blumenwiesen links und rechts, mal mit ein paar Schneefeldern oder Gletscherzungen gespickt. Auf Eis bin ich froh meine Stöcke zur Hand zu haben.

Ich bedaure die Wanderer, in der Überzahl Japaner, die uns entgegen kommen und geduldig minutenlang den Weg frei machen. Heute ist trotz Kaiserwetter und guter Fernsicht nicht ihr Tag um Eiger, Mönch und Jungfrau zu bewundern. In kleinen Gruppen schießen wir an ihnen vorbei; beanspruchen für einen Tag das ganze Terrain. Meine Hotelwirtin der Alten Post in Grindelwald war am Abend vor dem Start auch gleich voll des Lobes über die Auslastung ihrer Herberge und den Wert dieses Events. „Ein Glücksfall für die Region!“ sei dieser Lauf, sagt sie.

Der Weg wird technischer und zur Schynige Platte fällt der Blick immer wieder hinab ins Tal zum tiefblau gefärbten, 1400 Meter tiefer gelegenen Brienzersee, den Thunersee und dazwischen Interlaken, dem Startort des Jungfrau-Marathon.


Blick hinab zum Brienzersee

Es ist mittlerweile Nachmittag. Das Thermometer hat sich bei 30 Grad eingependelt und setzt vielen Teilnehmenden zu. Jeder Brunnen, jeder Bach ist zur Erfrischung willkommen. Wieder geht es knapp 1.200 Höhenmeter auf 9km geschotterten und manchmal mit Seil gesicherten Passagen hinab nach Burglauenen. Der Weg quert herrlich duftende Wiesen, die die Bauern hier tatsächlich noch von Hand mähen. Kein Gerät nimmt ihnen diese Arbeit ab, so steil sind die Hänge. Im Tal wartet ein großer Verpflegungspunkt mit dem zuvor aufgegebenen Gepäcksäcken, Cola und Nudeln. Die Satellitenuhren sagen 52.5km, also gut Halbzeit und ich beobachte einige Teilnehmer, die kopfschüttelnd das Handtuch werfen: Zu heiß heute, zu viele Körner gelassen.

Nächstes Etappenziel ist das Bergdorf Wengen, das uns nach weiteren 800 positiven und 400 negativen Höhenmetern begrüßt. Gerechnet wird schon lange nicht mehr in Kilometern, nur noch in Höhendifferenzen. Zum ersten Mal stehen klatschende Zuschauer am Wegesrand. Ich freue mich über den Zuspruch, habe diesen aber bislang auch nicht wirklich vermisst. Wo hätten auf der Strecke bislang auch Zuschauer stehen sollen?

Der Himmel zieht sich bedrohlich zu. Es riecht nach Sommergewitter. Während sich meine Schweizer Laufbegleitung Ricarda und ich uns im Aufstieg zum Männlichen befinden, nimmt das Naturschauspiel seinen Lauf. Es regnet, es donnert, es kracht. Starkregen setzt ein. Gut, dass ich mir noch kurz vor dem Trip bei Bergzeit.de die Salomon Veyrier Stretch Jacket mit 10000mm Wassersäule geordert habe; hier in den Bergen Gold wert.

Wir sind auf ca. 700 von 1000 Höhenmetern, als oberhalb von uns Blitze in die Eisen der Lawinengitter einschlagen. Eine kleine Gruppe von Läufern kommt uns in Begleitung eines Mannes der Bergwacht entgegen: „Sofort absteigen. Wir warten in Wengen bis sich das Wetter beruhigt hat und fahren anschließend mit der Gondel zum Männlichen hoch.“ lautet die Anweisung. Der erste Frust – „wären wir mal 30 Minuten eher hier durch“ - verfliegt rasch. Sicherheit geht nun mal vor, auch wenn uns Auf-, Abstieg und Gondeltransfer gut drei Stunden kosten. Trail-Running ist eben kein Hallensport und wer in den Bergen kein Verständnis dafür hat, ist fehl am Platz.


Zurück in Grindelwald

Auf der Bergstation angekommen werden wir über den weiteren Verlauf des Rennens informiert, über eine Zeitmessmatte und zur Versorgung geführt. Vorbildliche Notfallplanung. Jeder Helfer ist im Bilde, alles ist für den Fall der Fälle organisiert, markiert, ausgeschildert. Die Strecke wird angesichts des Wetters und der Zeit um die Lauberhorn-Runde gekürzt. Es geht bei mittlerweile aufklarendem Himmel und Bilderbuch Sonnenuntergang direkt zur kleinen Scheidegg hinüber und in der einsetzenden Dunkelheit auch nicht über den eigentlichen Eiger Trail am Fuße der Nordwand, sondern den direkten und mit Leuchtstäben markierten Wanderweg über Alpiglen und den letzten kleinen Berg, die Pfingstegg, nach Grindelwald zurück. Es ist halb zwei Uhr nachts, als wir sicher und glücklich die Ziellinie erreichen.

Fazit

Das Team um OK-Chef Ralph Näf und Strecken-Chef Marcel Marti hat elf Monate lang ganze Arbeit geleistet. Plan A, B und C lagen für verschiedene Notfall-Szenarien bereit. Im ständigen Kontakt mit den Wetterstationen wurde am Renntag verantwortungsbewusst gehandelt und mal direkt unter Beweis gestellt, wie eine gut vorbereitete Veranstaltung auf Eventualitäten reagiert. Auf meine Frage ob es Probleme gab, antwortet der OK-Chef verschmitzt: „Der Iker brachte uns mit seiner Geschwindigkeit ins Schwitzen. Sämtliche Helfer des zweiten Streckenabschnittes mussten gut eineinhalb Stunden früher beim Posten sein.“

Auch wenn die Krone des Berglaufes weiterhin mit dem 167km langen UTMB in Chamonix bleibt: In Grindelwald findet man die aktuelle Sahnehaube des Berglaufsports, inklusive aller ‚places to be‘ des Berner Oberlandes. Ich sag mal: ‚Tiptop‘ Ralph - eine Auftaktveranstaltung, die keine Wünsche offen ließ!


Diese Artikel ist auch bei RUNNING - Das Laufmagazin erschienen.

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